Projekt Gut Geisendorf 2009

Die folgenden Bilder stammen von BAYON-Fan Hartmut Helms, der auch den beeindruckenden Bericht zu diesem Event geschrieben hat (unter den Bildern), den wir Ihnen keinesfalls vorenthalten möchten!

Gut Geisendorf, 23.05.2009

Die Lausitz ist das Land der Tagebaue und der Tagebaurestlöcher. Die sind meist riesengroß, voller Dreck und Sand, unansehnlich. Aber dies ist auch das Land der immer größer werdenden Seen und der grünen Flecken drum herum oder dazwischen. Dort, wo über Tage gebaggert wird, ist die Landschaft besonders weit, der Horizont besonders fern und mittendrin im Nichts, in dieser Wunde in der Haut der Natur, steht so ein gefräßiger Stahlkoloss, ein gigantischer Abraumbagger.
Für Bruchteile von Momenten in der fast zeitlosen Erdgeschichte hat dieses Ungetüm aus Stahl das kleine Welzow erreicht, steht vor Gut Geisendorf, ragt 60 Meter über die dünne Haut der Erde hinaus und drückt mit seinen 9.000 Tonen auf sie. Im gleißenden Sonnenlicht stehe ich vor diesem Gigant, der diesen besonderen Moment, diese „ZwischenTraumzeit“, in der sich Bergbautechnik und historische Architektur, Sinnbilder für Kraft, Schönheit, Technik, Arbeit und Kunst, gegenüber stehen, für einen Hauch der Ewigkeit dort wie festnagelt. Vor dieser Kulisse erscheint die große Bühne klein, ja winzig und über die Weite des Tagebaus gesehen kann man sie kaum erkennen. Am anderen Ende ragen die Kühltürme von Boxberg mit ihren weißen Dampfzipfelmützen aus dem Horizont.

Die filigrane und multikulturelle Musik von BAYON scheint wie geschaffen, diese „ZwischenTraumzeit“, den „Moment der Besinnung“ auszufüllen. Mit ihrer einzigartigen Melange aus Klängen einer klassisch gespielten Gitarre und einem Cello, dessen groovende und singende Melodiebögen über einem Rhythmusteppich zu schweben scheinen, füllt BAYON das weite Areal aus.
Die Performance aus Metall, Musik und Licht beginnt mit dem 1. Satz der Suite V (Thema), und noch ehe man sich wirklich darauf konzentrieren kann, erklingt wie aus dem Nichts ein Saxophon im Dialog mit Theusners Gitarrentupfern. Wir bemerken nicht sofort, dass sich der gewaltige Ausleger des Baggers leise und wie von einer Geisterhand geschoben in Richtung Bühne dreht und ganz da oben, dort, wo sich ein überdimensionales Schaufelrad dreht, steht Hans Raths, der Virtuose mit seinem Saxophon. Dazu wird der Text von Natur gesprochen, dessen Formulierung „Der Tod ist der Kunstgriff, sich Leben zu leisten“, so manchen sicher nachdenklich werden und über den Sinn des Lebens neu und anders nachdenken lässt.
Unvermittelt hört man Kinderstimmen Am Brunnen vor dem Tore singen, doch niemand ist zu sehen. Das wirkt beängstigend, grotesk gar und provoziert unverständliches Staunen vor der kinderlosen Bühne. Der Kinderchor singt aus der entfernten Geborgenheit des Gutshauses heraus und erst jetzt, da ich darüber schreibe, wird mir das mögliche Sinnbild verständlich: lasst uns unsere Kinder behüten, begleitet sie gut vorbereitet in diese Welt, die man mit allen Sinnen erlernen muss.

BAYON schickt uns, als der sechste und letzte Satz der Suite V (Rondo) verklingt, mit einem furiosen Percussion-Feuerwerk von Drums & Conga in eine lange Pause, die sich bis zum Beginn der Dunkelheit erstrecken wird. Zeit genug, die Töne und Bilder wirken zu lassen, Zeit auch, über das weite Gelände zu gehen und Gespräche zu suchen.

Als später der Bagger in die Dunkelheit entschwunden ist und farbiges Licht das Gut in eine andere Welt verwandelt hat, ist BAYON wieder auf der Bühne. Mir schlägt das Herz bis zum Hals, denn aus dem frühen Gründungsjahr 1971 spielt BAYON das Haus der Kindheit und nach so vielen Jahren höre ich Christoph Theusner auch wieder singen. Diesmal mit Unterstützung des Kinderchores, der nun auch sichtbar auf der Bühne steht. Verdammt, das hat Wirkung und unmerklich ist der dramaturgische Bogen wieder gespannt, haben die Musiker die 2.000 Besucher in einen Bann gezogen, dem sich niemand entziehen kann.
Bei El Camino steht Hans Raths gemeinsam mit BAYON auf der Bühne und sie zelebrieren auch gemeinsam den Tanz der Apsara, so der Titel der aktuellen Bayon-CD. Wer bis dahin nicht verzaubert ist, muss dem Charme der folgenden Darbietung erliegen, denn wir erleben eine atemberaubende Improvisation auf dem Saxophon. Schon bald ist die Melodie erkannt und vor der Nachtkulisse singen 2.000 zaghafte Stimmen leise Sah ein Knab‘ ein Röslein steh’n. Da hat sicher auch der eiserne Bagger eine Gänsehaut auf seiner rostbraunen Oberfläche bekommen. Der ist inzwischen abwechselnd in stahlblaues oder rostrotes Scheinwerferlicht getaucht. Immer wieder steigen die imposanten Lichtfinger nach oben in den Nachthimmel, um sich von da oben wieder herab zu senken und den Bagger aus der Dunkelheit zu zerren.
BAYON musizieren weiter mit Stücken aus der „Apsara“. Die Ballade mischt sich in das Licht und als Herbst und Winter erklingen, sieht man auf einer riesigen Videowand neben der Bühne einen Film laufen, der die Landschaft in herbst- und winterlichen Impressionen zeigt, so, wie sie inzwischen nicht mehr existiert.
Zum Ende der besinnlichen Performance stehen noch einmal die Kinder auf der Bühne. Sie bilden den gesanglichen Background zum Sommerlied von BAYON und Christoph Theusner singt zum zweiten Mal mit Chorunterstützung diesen Song aus den Anfangsjahren der Band und Sony Thet zaubert, wie schon den ganzen Abend, noch einmal auf seinem Cello, dessen Töne gemeinsam mit den Gedanken Vieler in die Nacht entschwinden.

Als sich gegen Mitternacht der gewaltige Baggerarm aus der Dunkelheit wieder zurück in seine Ausgangsposition bewegt, steht auch Hans Rahts mit seinem Saxophon wieder da oben und bläst die letzten Töne in die Kühle der Nacht. Das riesige Schaufelrad scheint die Bühne zu streifen und bleibt in ihrem Hintergrund, vor dem sich die Mitwirkenden verabschieden, stehen. Für einen Augenblick ist nur Ruhe, Staunen und Atmen.
Minuten später wird sich eine Blechkarawane über ein Stoppelfeld, das in grelles Scheinwerferlicht getaucht ist, dem alltäglichen Chaos und Wahnsinn entgegen bewegen…

Wir Menschen haben seit unserer Existenz diese Mutter Erde aufgerissen, angebohrt, zerstückelt, verbrannt, haben sie verletzt. Wir haben so viel Gift und Bomben auf ihr deponiert, dass wir ihren Tod ermöglichen und garantieren könnten, den unseren leichtfertig inbegriffen. Dann würde das Zitat von gestern Abend, „Der Tod ist der Kunstgriff, sich Leben zu leisten“, ad absurdum geführt sein. Doch ein wenig haben wir alle, eingeladen und inspiriert von VATTENFALL, gestern auch wieder neu begonnen zu verstehen, zu heilen und zu ändern mit dem „Tanz der Apsara“ und der
„ZwischenTraumzeit“

Jetzt verstehe ich auch wieder, warum Gundermann, der Liederpoet und Baggerführer, sang: „Halte durch, wenn’s irgendwie geht, bist doch’n kluger Planet, wir mach dich zur Sau…“
Der muss diese Wahrheit von seinem Bagger aus schon sehr zeitig gefühlt und gesehen haben und dieser Stahlkoloss hat ihn sicher auch zu ähnlich zerbrechlich schönen Melodien und tiefsinnig wahren Texten inspiriert, wie sie von BAYON, Hans Raths und dem Spremberger Kinderchor gestern Abend auch heilend und ein wenig schuldbewusst mit uns gemeinsam über diesen riesigen Krater in der Haut der Erde gelegt wurden. Ein Stück betroffen, besinnlicher und hoffentlich auch reifer sind wir dann alle nach Hause gefahren.

Nachtrag: Ich weiß sehr wohl, dass ich kein professioneller Worteformulierer und Sätzegestalter bin und deshalb habe ich auch nur aufgeschrieben, was ich auf Gut Geisendorf gesehen, gehört und gefühlt habe. Andere haben sicher ganz andere Emotionen und Impressionen mit nach Hause genommen. Dies hier sind MEINE, aber ihr dürft sie haben und mit mir teilen!